Analog Fotografie-2
Ben Pötke

Comeback der Analog-Fotografie

alles abspielen besuchen

Mit dem Siegeszug der Digitalkameras zur Jahrtausendwende begann der Absturz der analogen Vorreiter. Niemand wollte mehr einen halben Tag in der Dunkelkammer verbringen, auf die Gefahr hin, beim kleinsten Fehler die Fotos für immer zu ruinieren. Erst recht nicht in einer Welt, in der auf Instagram 80 Millionen Fotos gepostet werden. Pro Tag wohl gemerkt.

Schneller, größer, schärfer, aber billig muss es sein. Der Leitfaden der Technikindustrie hielt auch im Fotobereich Einzug und verwandelte die Kunst des Fotografierens in einen digitalen und App-gesteuerten Schnappschuss-Contest. Doch woher kommt nun der Trend, die verstaubten Kameras wieder aus Opas Keller zu holen?

Ein Einstieg mit viel Geduld

Die analoge Fotografie ist eine Art Gegenbewegung, in einer Zeit, in der für ein Gruppenselfie 30 Reihenfotos in Rekordzeit abgefeuert werden, nur um eines vor dem digitalen Papierkorb zu bewahren. Film hingegen vergibt nicht und ist noch echte Handarbeit. Alle Kameraeinstellungen müssen mit viel Bedacht manuell gesetzt werden, den (Halb-)Automatik Modus sucht man oft vergebens.

Motive finden und selektieren

Bevor der Einstieg also schnell in Frustration endet, sollte man sich fragen: “Was will ich fotografieren?” Ihr seid draußen in der grellen Mittagssonne? Dann ist die “Sunny 16 Rule” euer Freund. Hat man nämlich einen 100er ISO Film eingelegt, setzt man die Blende auf 16 und die Verschlusszeit um die 1/250. Ein korrekt belichtetes Foto ist so aber noch lange nicht garantiert und da der prüfende Blick aufs Display entfällt, wiederholt man es sicherheitshalber mit anderen Einstellungen.

Nun noch fix ein paar Indoor-Portraits schießen? Nicht vergessen, den Film bei weniger Licht auf ISO 1600 zu wechseln, was sehr umständlich werden kann. Und Menschen mit einem zickigen manuellen Fokus oder spiegelverkehrtem Sucher festzuhalten ist auch keine leichte Aufgabe.

Probiert euch an Schwarz-Weiß

Für den Anfänger der Tipp: Beginnt mit am besten in Schwarz-Weiß. Die Reduzierung auf Licht und Schatten lehrt viel über die optimale Lichtsetzung.

Zugegeben – die Lernkurve ist recht steil. Wenn man jedoch den kompletten Prozess selbst übernimmt, ist der Lerneffekt am größten. Durch den erhöhten Arbeits- und Kostenaufwand wird man nämlich bewusster fotografieren und voll in den Moment hineingesogen.

Lasst euch nicht entmutigen und experimentiert viel z.B. mit Mehrfachbelichtung und längst abgelaufenen Filmen. Gerade das Unperfekte in der analogen Fotografie, im Gegensatz zum sterilen, perfekten digitalen Sensor, hat seinen ganz eigenen Charme.

Das Comeback des Sofortbildes

Nachdem die Produktion von Polaroid-Filmen eingestellt wurde, gelang dem “The Impossible Projekt” 2008 sprichwörtlich das Unmögliche: Die Sofortfilme im Originalformat wiederzubeleben. Seitdem hat sich viel getan. Mit der Entwicklung von neuen Filmen konnten 200 Millionen Polaroid Kameras vor einem Dasein als Staubfänger bewahrt werden.

Nun endlich gelingt mit dem ersten eigenen Modell, der “I-1” der Spagat in die digitale Welt. Eine Bluetooth Verbindung zum Smartphone samt passender iOS-App, Akku-Ladung per USB-Kabel und ein LED Blitzring samt Umgebungslicht-und-Abstands-Erkennung, versprechen einigen modernen Komfort, unter einem schlichten Design.

Spätestens die diesjährige Photokina hat es gezeigt. Die Nachfrage wächst und die Hersteller reagieren: Nachdem bereits Fuji mit seiner vielseitigen Instax-Serie überzeugen konnte, wirft sogar die deutsche Edelmarke Leica mit der “Sofort” ein Modell auf den Markt. Die Kamera im Retro-Look und in knallbunten Farben lässt es erahnen: Die Zielgruppe sind vor allem junge Menschen.

Hinzu kommt der Trend zum Instant-Print. Während die Bilder auf dem Smartphone Speicher versauern, findet das Polaroid sofort einen Platz an der Fotowand. Partybilder werden unvergesslich, wenn man sie jedem seiner Freunde gleich in die Hand drücken kann.

Vorteile zu Digital

Hat man den teils holprigen Einstieg in die analoge Fotografie überstanden, wird man schnell die erste positive Auswirkung bemerken: Entschleunigung. Man nimmt sich wieder Zeit für die Motivsuche, eine schöne Komposition und dafür, optimales Licht zu finden. Dafür hat man ein greifbares und zeitloses Ergebnis in der Hand. Ein Fotoabzug ist deutlich langlebiger als ein Digitaldruck.

Warum sollte man den Vintage-Look und Bildfehler in eigentlich perfekte Digitalbilder nachträglich einbauen, wenn Sie in der authentischeren Analogfotografie quasi dazu gehören? Zusätzlich kennt sich der Smartphone-Fotograf von heute mit allerhand analog-simulierenden Filtern, wie VSCO schon aus.

Ein weiterer Vorteil: Man wird sich nie wieder über leere Akkus ärgern müssen. Der nächste Hacker-Angriff auf eine Bilddatenbank lässt euch auch kalt, schließlich hängen die Fotos sicher an den eigenen vier Wänden. Und nur dort.

Eine günstige 50 Jahre alte Kamera funktioniert immer noch und liefert perfekte Bilder. Ob man das von der 3.000 Euro teuren Profi-Digitalkamera in 10 Jahren noch behaupten kann, ist zu bezweifeln. Hinzu kommt die schier endlose Auswahl an preiswerten gebrauchten Objektiven.

Nachteile

Jeder Druck auf den Auslöser geht auch ordentlich ins Geld. Bei 8 Polaroid Bildern für 20,00 Euro will das Foto vorher gut überlegt sein.

Die analoge Farbfotografie im Kleinbildformat ist aktuellen digitalen Megapixel-Monstern, wie der der Sony A7r in Sachen Details nicht mehr gewachsen. Durch den Mangel an richtigen Fotolaboren werden die Negative eh meist eingescannt, was am Bildschirm jeglichen Vorteil zum Digitalfoto verschwinden lässt.

Die umständliche Lagerung von Filmmaterial kann dazu führen, dass man davon bald mehr im Kühlschrank hat als Lebensmittel. Hinzu kommt das Hantieren mit teils ungesunden Chemikalien in der Dunkelkammer-Küche, welches mit Photoshop allein natürlich entfallen würde.

Trotz allem werden Analog- und Digitalfotografie wohl noch lange parallel zueinander existieren. Und sei es nur aus Nostalgie und Liebhaberei.

Digitaler Analog-Tipp

Wer sich noch nicht an die eigene Entwicklung traut, kann seinen Film in die Hände von Mein Film Lab geben.

cool good eh love2 cute confused notgood numb disgusting fail