Mann müde am Schreibtisch
Ben Pötke

Job-Revolution: Ist die 40-Stunden-Woche überholt?

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Noch immer ist er in Deutschland die Regel: Der 8-Stunden-Tag. Eine Studie des Statistischen Bundesamtes ergab, dass 2015 alle Erwerbstätigen in Deutschland im Alter von 15 bis 74 Jahren im Schnitt 35,6 Stunden arbeiten. Arbeit ist dabei die Summe aus Haupt- und Nebentätigkeiten. Schaut man sich nur die Haupttätigkeiten der Erwerbstätigen an, so steigert sich die Arbeitszeit bei den in Vollzeit Arbeitenden auf sogar 41,4 Stunden.

Doch immer mehr Rufe werden laut, dass sich unsere Arbeitszeitmodelle kaum oder schlecht mit unserem eigentlichen, täglichen Leben vereinbaren lassen. Immer häufiger verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, sodass sich viele eine Abschaffung des typischen Achtstundentages wünschen. Wir zeigen euch, welche Nachteile ein 9-to-5-Job mit sich bringt und welche Alternativen es vielleicht auch geben kann.

Historisch gewachsen

Viele wissen es wahrscheinlich nicht, aber der Achtstundentag feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Am 23. November 1918, also kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wurde er im Rahmen der „Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiter“ eingeführt. Davor gab es einen mehr als 50 Jahre andauernden Kampf um Verkürzungen der Arbeitszeit und die Einführung des Achtstundentages.

Seitdem hat sich auf dem weltweiten Arbeitsmarkt einiges getan. Die Globalisierung sorgt dafür, dass verschiedenste Märkte auf der Welt zusammen rücken und schneller denn je für jedermann erreichbar sind. Darüber hinaus hilft uns der technologische Fortschritt dabei, Arbeiten schneller, leichter und effizienter zu erledigen.

Doch diese Fortschritte und die Wandlung von einer Produktions- hin zur Dienstleistungsgesellschaft haben kaum etwas an der 40-Stunden-Woche geändert. Erst im Juni 2018 hat die Bundesregierung das Recht auf die so genannte Brückenteilzeit beschlossen. Arbeiter können demnach von einer Vollzeit- zu einer Teilzeitstelle wechseln – und auch wieder zurück. Doch auch das ist eher nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung und keinesfalls eine Revolution.

Negative Folgen summieren sich

Lange Jahre galt der Grundsatz „Nur wer viel arbeitet, ist auch fleißig“. Mittlerweile wissen wir, dass das nicht unbedingt stimmt. Seien wir mal ehrlich: Wie lange sind wir bei acht Arbeitsstunden eines Tages tatsächlich produktiv? Eben. Menschen sind keine Maschinen, benötigen zwischendurch nun mal Pausen und machen mit zunehmender Arbeitszeit darüber hinaus auch mehr Fehler. Mit zunehmender Arbeitsdauer sinkt die Leistung überproportional. Wer also weniger arbeitet, ist in kürzerer Zeit produktiver und auch motivierter.

Die gesundheitlichen Folgen eines zu langen Arbeitstages wurden in der Vergangenheit häufig unterschätzt. Mehr Freizeit bedeutet auch gleichzeitig mehr Erholung, was das Risiko einer psychischen Erkrankung minimiert. Dennoch erreichen wir in den letzten Jahren immer wieder neue Höchststände, was Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen angeht. Im Durchschnitt dauert eine solche Erkrankung 38 Tage. Dies wiederum hat gravierende Folgen für die Wirtschaft. Unternehmen müssen in Deutschland beispielsweise sechs Wochen Lohnfortzahlung leisten, wenn sich ein Arbeitnehmer krank meldet. Hinzu kommt, dass der Produktivitätsausfall kostspielig aufgefangen werden muss.

Wer also deutlich mehr als 35 oder 40 Stunden pro Woche arbeitet, läuft Gefahr, den Stress auf Arbeit an fünf Werktagen nicht mehr mit zwei Tagen Freizeit am Wochenende ausgleichen zu können. Hinzu kommt, dass für viele Arbeitnehmer Überstunden zum Alltag gehören. So wird aus einer 40-Stunden-Woche ganz schnell mal eine 45- oder 50-Stunden-Woche.

Geplante Freizeitaktivitäten zur Erholung sowie andere Termine am Nachmittag müssen verschoben werden, was den Stress über die erhöhte Arbeitszeit hinaus noch weiter wachsen lässt. Das Wochenende wird dann häufig nur dazu genutzt, alles zu erledigen, was in der Arbeitswoche nicht mehr geschafft wurde. Für die eigentlich angedachte Erholung ist dann kaum noch Zeit. Diese gestörte Work-Life-Balance sorgt für extremen Stress bei Arbeitnehmern. Viele Menschen fühlen sich infolge dessen von der Arbeit „aufgefressen“ oder „ausgebrannt“.

Darüber hinaus verändert sich unsere Bevölkerungsstruktur weiter und der demografische Wandel sorgt dafür, dass immer mehr Menschen jenseits der 50 in einem Arbeitsverhältnis stehen. Dazu wird immer wieder über eine Erhöhung des Rentenalters diskutiert, sodass die arbeitende Bevölkerung in Deutschland im Schnitt immer älter wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitnehmer aus älteren Bevölkerungsschichten den Belastungen der Arbeitswelt nicht mehr gerecht werden, ist in den vergangenen Jahren damit deutlich gestiegen.

Die Nachteile der klassischen 40-Stunden-Woche liegen damit auf der Hand. Dennoch tut sich von Seiten der Politik relativ langsam etwas an der aktuellen Situation. Weiterhin beherrschen antiquierte Arbeitszeitmodelle den Markt und viele Firmen und Unternehmen halten stur am überholten Konzept fest. Doch es gibt ein paar Lichtblicke am Horizont.

Verschiedene Unternehmen gehen voran

Die Rheingans GmbH aus Bielefeld beispielsweise war vor einiger Zeit in der Presse, da sie den typischen Achtstundentag abschaffte und die Arbeitszeit der Mitarbeiter auf fünf Stunden reduzierte – bei vollem Gehalt und gleich bleibendem Urlaubsanspruch.

Die Idee dahinter: Wer weniger arbeitet, ist effektiver. Durch die neu gewonnene Freizeit seien die 12 Mitarbeiter von Geschäftsführer Lasse Rheingans darüber hinaus deutlich motivierter. Von 8 bis 13 Uhr wird nun in der kleinen IT-Firma gearbeitet, danach ist für alle Feierabend. Auch am Wochenende bleiben die Rechner aus. Weniger arbeiten und dabei noch produktiver sein, klingt wie eine klassische Win-Win-Situation.

Die Berliner Firma tandemploy geht sogar noch einen Schritt weiter. Dort wurden alle Vollzeitstellen mit einer 40-Stunden-Woche komplett abgeschafft und alle Mitarbeiter mit unbefristeten festen Arbeitspapieren ausgestattet. Alle 30 Angestellten arbeiten nun mit flexiblen Modellen, darunter beispielsweise 12 Kollegen in einer 4-Tage-Woche, fünf als Freelancer oder drei im Jobsharing.

Darüber hinaus hat das Unternehmen mit Sitz in Berlin, das Firmen bei der Entwicklung neuer Arbeitszeitmodelle und Strukturen im digitalen Zeitalter betreut, die vier bayrischen Tage als freie Tage im Unternehmen festgelegt, sodass den Mitarbeitern vier Tage mehr Pause im Jahr zugestanden werden als es in anderen Berliner Firmen der Fall ist. In der Regel arbeiten die Mitarbeiter im Unternehmen nun zwischen 25 und 32 Stunden in der Woche.

Fazit

Es ist Zeit, den klassischen Achtstundentag in Deutschland zumindest zu überdenken. Viele Arbeitnehmer sind mittlerweile unzufrieden mit ihren Arbeitszeiten und sehnen sich nach mehr Freizeit, Erholung sowie einer angenehmeren Work-Life-Balance. Es ist an den Unternehmen und der Politik, mit Blick auf Mitarbeiterbedürfnisse neue, bessere und effektivere Arbeitszeitmodelle zu entwickeln und diese gesetzlich auch zu verankern.

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