Kollege gibt vor Ahnung zu haben
Redaktion

Reden ohne Ahnung: Karrieretipp oder Symptom einer Generation?

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Verfügt unsere Generation nicht mehr über profundes Wissen? Konnten die (Ur-)Großeltern noch Schillers „Glocke“ auswendig vortragen, versteht der gemeine Durchschnittsbürger oft gar nicht mehr, was damit überhaupt gemeint ist. Gleichzeitig möchte niemand als dumm dastehen, während die Welt immer komplexer wird. Anzeichen dafür sind Ratgebertexte, wie man sein Nicht- oder Halbwissen gekonnt überspielt.

Jeder will mitreden, aber keiner weiß wirklich Bescheid. Kürzlich veröffentlichte das Männer-Lifestylemagazin „GQ“ einen Artikel zum Thema „So reden Sie mit, ohne Ahnung zu haben“. Als Karrieretipps verpackt, wird unter anderem geraten, sich in allgemeine Floskeln zu flüchten oder sich in den sozialen Medien über aktuelle Gesprächsthemen zu informieren. Anlässlich der WM in Brasilien stellte das Magazin „Der Spiegel“ ein interaktives Tool mit Fußballfloskeln vor. Dank des „Phrasomaten“ sollten auch unbedarfte Leser unter Fußballexperten bestehen können. Die Tageszeitung taz betrieb in den letzten Jahren eine Rubrik zum Thema „Mitreden, obwohl ich keine Ahnung habe“. Auch dort werden „schlaue Sätze“ vorgestellt, die man zu einem bestimmten Thema zum Besten geben kann, von der Virtual Reality bis zu Fakten zum Jahrhunderthochwasser. Egal ob humorvoll oder ernst gemeint – Ratgebertexte wie die genannten treffen anscheinend einen Nerv der Gesellschaft.

Kritik am gepflegten Halbwissen

Die Autorin Sara Zinn breitet in ihrem Buch „Deutschland schlafft ab“ nutzloses Halbwissen über beliebte wie kontroverse Gesprächsthemen aus. Ihre Leser sollen auf diese Weise fundiert mitreden und Vorurteilen mit Wissen entgegenstehen können. Der Titel ihres Buches offenbart aber auch Kritik am unzureichenden Wissensstand unserer Gesellschaft. Ähnlich, nur deutlich schärfer, beklagt der Spiegel-Bestseller „Generation Doof“ von Anne Weiss und Stefan Bronner die fehlende Allgemeinbildung. Autor und Kolumnist Til Raether kritisierte in einem Kommentar für das SZ-Magazin (11/2014), wie schnell sich jeder anhand Twitter, Facebook und Co. unkritisch erlaube, eine eigene Meinung zu bilden – auch zu Themen, über die er eigentlich überhaupt nichts wisse.

Die Wissensexplosion macht es nicht leichter

Tatsächlich kann in unserer hochkomplexen Gesellschaft niemand mehr alles wissen. Ein Universalgenie wie Leonardo da Vinci oder Johann Wolfgang von Goethe wäre heute nicht mehr denkbar. Dazu sind die technische Entwicklung, die Forschung und die geopolitischen Gegebenheiten zu vielschichtig und fragmentiert. Gleichzeitig wächst das Angebot an Wissen, Informationen und Meinungen speziell auf digitaler Ebene explosionsartig. Es wird immer schwieriger, seriöse Informationen zu erkennen. Besonders in der Technik und im IT-Bereich hat das Wissen eine immer kürzere Halbwertszeit. In seiner Megatrend Dokumentation 2012 zeichnet das Zukunftsinstitut bereits genau dieses Bild und fasst zusammen: „Es gibt einfach zu viel Wissen.“

Mut zur Ehrlichkeit

Mittlerweile arbeiten professionelle „Wissensdienstleister“ wie die Firma Nimirum daran, das Dickicht unseres Informationsdschungels zu durchforsten und kundenspezifische Analysen zu erstellen. Ulf Froitzheim fordert in seinem Essay für das Wirtschaftsmagazin brand.eins vom August 2018, Wissenschaftler sollten das Wissen stärker gegenüber Populismus und Halbwissen verteidigen. Der 2015 verstorbene Soziologe und Globalisierungsexperte Ludwig Beck stellte in seiner Forschung das Dilemma klar, dass die Politik zu Entscheidungen gezwungen sei, ohne eigentlich wissen zu können, ob diese Entscheidungen gute oder schlechte Folgen hätten. Wer sich der geschilderten Lage bewusst ist, muss daher keine Notwendigkeit mehr darin sehen, Unwissenheit zu überspielen. Auch der anfangs erwähnte GQ-Ratgeber plädiert zusammenfassend für Ehrlichkeit: „Gestehen Sie Ihre Unkenntnis ein.“

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